Januar 2004

Im Schneesturm auf dem Altkönig

Am 4. Januar 2004 fassten wir den verwegenen Entschluss, eine Besteigung des Altkönigs zu versuchen. Der tückische Berg lauert inmitten eines harmlosen Naherholungsgebiets im Taunus. Die Gipfelhöhe wird auf 750 m üNN geschätzt. Berüchtigt ist der Berg seit je her für unberechenbare Wetterumschwünge.

In jugendlichem Leichtsinn ignorierten wir alle Warnungen der Einheimischen und machten uns mit leichtem Gepäck und sommerlicher Kleidung auf den Weg… Siegessicher und in übermütiger Laune brechen wir auf. Das Wetter ist in Eschersheim noch etwas bedeckt, doch wir spekulieren auf die pralle Wintersonne über den Wolken. Haben wir die Sonnenbrillen dabei?

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Friedlich zeigen sich uns die kleinen verschneiten Straßen und Gässchen von Eschersheim. Kuriose Läden, aufgegebene Industriebetriebe und Sonnenstudios bestimmen das Bild. Vor dem lokalen Supermarkt werden Hähnchen und Haxen verkauft.

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Wir befinden uns auf dem Bahnsteig und warten auf die U-Bahnlinie 3, die uns ins Vorgebirge bringen soll. Eine Bahn aus der Gegenrichtung ist dick mit Eis bepackt. Wir lachen und feixen und fotografieren das Schauspiel.

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Auf der Hohen Mark angekommen, stellen wir als erstes fest, dass unser Kartenmaterial ungenügend ist. Nur durch Zufall erhalten wir von erfahrenen Einheimischen den Rat, ein Digitalfoto von einer hier aufgestellten Karte zu machen. Was uns dabei entgeht ist der externe 4-Ah-Akku, den der hilfreiche Bergbewohner vorsorglich am Körper trägt. Aber wir denken nicht weiter über solch technische Dinge nach und vertrauen auf japanische Elektronik. Wir wollen dem Weg zur Weißen Mauer folgen und dann mit dem Aufstieg zum Altkönig beginnen.

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Das letzte Zeichen von Zivilisation, eine verlassene Bergbauernhütte. Erste Zweifel an unserem Vorhaben machen sich breit…

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Eine solide, vereiste Felswand versperrt uns den Weg. Mit unserem minderwertigen und veralteten Material stellt sie ein unüberwindliches Hindernis dar. Wir können nicht anders, als den vorgeschriebenen Weg zu verlassen. Von nun an sind wir vollkommen auf uns allein gestellt.

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Für einen Augenblick wirft die nachmittägliche Sonne ein paar letzte Strahlen in die unerbittliche Eiswüste, die wir zu durchqueren haben.

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Wir versuchen, uns warm zu halten, so gut es geht. Eine anstrengende Kletterei auf einen kleinen Gipfel bringt uns nicht die erhoffte Fernsicht. Wir können unsere Marschrichtung nur grob schätzen. Die Kompasse sind ausgefallen, wir vermuten große unterirdische Eisenlager in der Umgebung.

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Wir haben die Hoffnung, den Weg wieder zu finden, schon fast begraben, als uns zwei in dickes Pelzzeug eingepackte Bergarbeiter entgegenlaufen. Sie können uns den Weg weisen, raten uns aber dringend ab, bei dem aufziehenden Wetter weiter zu gehen. Wir sind aber so froh darüber, dass unsere hausbackene Navigation in die richtige Richtung geführt hat, dass wir gegen jeden gesunden Verstand die Wetterwarnungen und den peitschenden Eisregen ignorieren und weitergehen.

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Die Eishölle, in die wir geraten, ist unbarmherzig und tödlich. Kaum ein Strauch kann sich gegen den unablässig über die Abhänge dahinfegenden Sturm behaupten.

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Wir wissen nicht mehr, wo wir sind. Wir haben jedwede Orientierung im dichten, vereisten Wald verloren. Das Weitergehen ist schon seit Stunden zur Qual geworden.

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Wie gerne würde man sich einfach hinlegen und einschlafen…

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Keiner von uns kann sich genau an diese Stunden erinnern. Eines ist klar: Sie fühlen sich endlos an. Was tun wir hier überhaupt? Warum? Diese Frage stellt sich immer wieder, man kann sie nicht aus den Gedanken verbannen. Warum sind wir hier? Warum müssen wir diese Qualen ertragen? Dann wieder hört man es leise, fast wie am Rand des Bewusstseins: Der Gipfel! Der Gipfel! Und erneut kann man sich für fünf Minuten auf das Ziel konzentrieren…

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Als wir am höchsten Punkt angelangen, fehlen uns die Worte, das Glück zu beschreiben. Für einen Augenblick sind wir die Könige der Erde!

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Die Erinnerung an den Rückweg geht unter in endlosen Qualen des Stapfens durch tiefen Schnee, völliger Erschöpfung und Verzweiflung. Wir verlieren ständig den Weg. Der lokalen Bräuche unkundig, können wir die Wegweiser nicht lesen: Links oder rechts?

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Ein spärlich beleuchteter Bahnsteig ist für uns die Rettung. Man erzählt uns später, dass man uns vollkommen unterkühlt neben den Gleisen liegend gefunden hat. Der Großteil unserer Ausrüstung ist verloren gegangen, wir konnten ein paar Filme retten und unser nacktes Leben.

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