Mai 2005

 

Die Truhe

Du bist seit sieben Uhr früh auf den Beinen und erforschst alle Räume, Treppen und Winkel des viktorianischen Hauses, etwas außerhalb eines kleinen englischen Städtchens am Waldrand gelegen.

Vor drei Tagen hieltst du einen Brief von einem Notar in Großbritannien in den Händen, beigefügt eine Kopie des Testaments deines Großonkels Patrick. Welcher Großonkel? fragtest du dich. Aber anderthalb Stunden später hattest du ein Flugticket nach London gebucht: Du bist Alleinerbe des besagten Hauses, inklusive aller Einrichtung und sonstiger Wertsachen.

Es ist inzwischen später Nachmittag, es dämmert schon um diese Zeit im Oktober. Vor dir liegt die Treppe zum Dachboden. Du überlegst, ob du heute noch einen Blick auf Patricks Gerümpel da oben werfen willst, und hast dich schon fast dagegen entschieden, als du einem plötzlichen Gefühl nachgibst und hinaufsteigst. Du öffnest die Holztür am Ende der Treppe und betrittst einen düsteren, staubigen Raum. Es riecht nach Holz, und noch irgendwie anders, der Geruch weckt eine Erinnerung, die aber nicht ganz bis in dein waches Bewusstsein dringt.

Du gewöhnst dich langsam an das schwache Licht und entdeckst eine Öllampe, die neben dem Türrahmen an einem hölzernen Nagel hängt. Du versuchst, sie mit einem Streichholz zu entzünden. Das Öl ist fettig und hat sich über die Jahre nicht verflüchtigt. Die Lampe brennt, und, so ausgerüstet, kannst du an der dir direkt gegenüberliegenden Wand eine Truhe erkennen. Du gehst hin und betrachtest sie. Die Truhe scheint sehr alt zu sein, das harte Holz ist stellenweise abgeschabt von lang zurückliegenden Reisen, die schmiedeeisernen Beschläge halten den Deckel jedoch fest an seinem Ort. Du erinnerst dich an einen Schlüssel, den du im ersten Stock in einer Schublade gefunden hast, und probierst ihn aus. Das Schloss springt auf, und du hebst den Deckel an…

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