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September 2007

Eolas Insel (2007)

Du erwachst, als die Wellen sanft an deine Füsse schlagen. Zuerst bist du noch sehr benommen, aber du musst dich aufraffen: die Flut steigt!

Du siehst dich um: die letzte Flut muss dich hier am Strand abgelegt haben. Du erinnerst dich vage, wie du dich mit letzter Kraft ein Stück in dem nassen, salzigen Sand hochgezogen hast, dann - nichts mehr. Du musst viele Stunden in einem Zustand zwischen Schlaf und Bewusstlosigkeit verharrt sein.

Möwen kreischen in der Luft. Du kriechst einige Schritt nach oben und versuchst dann, aufrecht zu sitzen. Der feine Sand ist hellweiss und trocken. Es riecht nach Meer. Der Himmel ist bedeckt, die Wolken hängen tief und fliegen schnell vorbei. Du fröstelst. Die Sonne ist nicht auszumachen, du kannst weder die Tageszeit noch Süden ausmachen.

Der Strand ist nicht sehr breit und steigt schnell an. Oben auf den Dünen kannst Du Strandhafer sehen. Zu deiner Linken geht der Strand noch bestimmt eine Meile weit - irgendwo in der Entfernung kannst du Robben oder Seelöwen erkennen, auf die Distanz nicht zu bestimmen. Vereinzelte von der Sonne ausgebleichte Treibholzstücke liegen inmitten von Tang, Seegras, Muscheln und kleinen Krabben. Zu deiner Rechten siehst du nur noch ein kurzes Stück Strand - und musst schlucken: mit etwas weniger Glück wärst du, statt auf den Sand gespült zu werden, an Felsklippen zerschmettert worden, die den Strand hier begrenzen.

Plötzlich merkst du, wie hungrig du bist. Du fragst dich, wann du das letzte Mal etwas gegessen hast… Die letzten vierundzwanzig Stunden sind dir nur noch bruckstückhaft im Gedächtnis: das Segelschiff, ein Streit mit dem Maat, Fischsuppe und Bier, eine Öllaterne im Wind, der Sturm… Fischsuppe! Der blosse Gedanke daran, und dein Hunger wird noch stärker.

Ihr wart weit draussen auf See, das hier muss eine kleine Insel sein. Deine Lage wird dir immer klarer: nach dem Schiffbruch musst du es irgendwie geschafft haben, bis zu diesem Strand zu schwimmen oder dich an etwas zu klammern. Jetzt sitzt du hier, das Wetter sieht immer noch düster aus, und der Wind wird stärker. Du musst schnell etwas zu essen und einen Unterschlupf finden.